.jpg)
Entstehungsgeschichte der Schlaraffia
Es war in Prag, am 10. Oktober des Jahres 1859,
einem schönen, aber schon recht kühlen Abend. Aus „Freund's Restauration"
, Ecke Wassergasse und Grube, ertönte lauter Jubel, so dass Vorbeigehende
einen Moment stehen blieben, um zu lauschen. In der Gaststube fand soeben die
Gründung eines Vereins statt, von dem die Gründer damals noch nicht wissen
konnten, welche Bedeutung er einmal haben würde, und wie viel Freude er
vielen Menschen auf der ganzen Welt bringen würde.
Die Gründungsmänner waren
Musiker, Sänger, Komponisten, Schauspieler, Literaten und Kunstfreunde. Sie machten aus ihrem
Stammtisch mit dem durchaus aggressiv gemeinten Namen „Proletarierclub"
einen Verein, den sie später „Schlaraffia" nannten. „Schlaraffia"
als Kontrast zur elitären poetisch-literarischen Gesellschaft
„Arcadia", die damals das Kunstleben im deutschen Teil Prags dominierte.
Es waren zunächst 23 Mitglieder. Vereinszweck sollte sein: „Pflege der
Kunst und des Humors". Prag war also die Keimzelle der Organisation, die
heute „Allschlaraffia" heißt, inzwischen fast 150 Jahre alt ist, zwei
Weltkriege, das „Dritte Reich" und den Kommunismus überstanden hat
und heute weit über 10.000 Mitglieder zählt.
Der Weg zur weltumspannenden Schlaraffia
Die Gründer und ihre Nachfolger hatten nicht
vergessen, dass ihr Verein anfangs „Proletarierclub" hieß und betteten
ihren Vereinszweck, Pflege von Kunst und Humor, in ein Ritterspiel ein, das
laufend weiter entwickelt wurde und das selbstgerechte und aufgeblasene
Gehabe von Obrigkeiten persiflierte.
Das freudige Geschehen in Prag sprach sich auch
in anderen Städten herum und fand Nachahmer, die sich aber an der „Praga"
ausrichteten. So entstanden laufend neue Schlaraffenreyche, die nach der
Reihenfolge
ihrer Entstehung nummeriert wurden. „Praga" trug die Reychsnummer 1,
„Berolina" die Nr. 2, „Hannovera" die Nr. 20, das Castrum
Siamesiae in Bangkok, Thailand, am 24. Januar 1975 gegründet, die Nr. 383
Heute, gibt es ca. 264 Reyche in rund 20 Ländern,
auf allen fünf Kontinenten.
In den politischen Wirren der Vorkriegs- und
Kriegszeit wurden die Praga und alle anderen Reyche in den totalitär
regierten Ländern verboten.
Seit dem Verbot der Praga „regiert" der
„Allschlaraffenrat" das Uhuversum, wie das schlaraffische Universum
nach seinem „Schutzgeist“ dem Uhu genannt wird.
Jedes einzelne Schlaraffenreych ist unabhängig
und souverän. Der Allschlaraffenrat überwacht aber das Einhalten der
Spielregeln des „Schlaraffischen Spiels", die damals, von den
Urschlaraffen entwickelt und bis heute in ihrem Sinne fortgeschrieben wurden.
Diese Spielregeln sind in straffer,
einleuchtender und humorvoller Form festgelegt im sogenannten „Schlaraffenspiegel
und Ceremoniale".
Das schlaraffische Spiel und sein Rahmen
Die Burg und ihre Gestaltung
Jede Schlaraffenburg - so wird der reychseigene oder gemietete Raum genannt, in dem die Sippungen stattfinden -
ist festlich geschmückt mit den Farben und Wappen des Reyches, des
Mutterreyches, der „Allmutter“ Praga und den Wappen der Ritter des Reyches
sowie einem geschnitzten oder präparierten Uhu, des Schutzgeistes der
Schlaraffia.
Am stärksten aber wird das festliche Bild der
Burg durch die Sassen und ihre „Rüstungen" geprägt. In vielen Reychen
tragen die Ritter Rittermäntel und in allen Reychen den „Helm" (aus
Stoff) in den Reychsfarben, die von Reych zu Reych verschieden sind. Die
Junker tragen den „Junkerhelm", die Knappen die „Sturmhaube". So
bietet eine gefüllte Burg, in der zumeist auch noch Sassen anderer Reyche in
ihren Farben anwesend sind, ein erhebendes Bild!
Bei entsprechenden Gelegenheiten sind die Sassen
dann auch noch bewaffnet. Ein gar furchterregender Anblick! Allerdings sind
die Schwerter der Ritter, die Dolche der Junker und die Partisanen der Knappen
zumeist aus Holz.
Die vier Elemente des schlaraffischen Spiels
1. Gegenseitiges Geben und Nehmen
In der Sippung hat jeder die Möglichkeit, sein
Steckenpferd zu reiten oder sonstige Begabungen ins Spiel zu bringen.
Jeder der Lust hat, es sich zutraut, und entsprechend
vorbereitet ist, geht in die Rostra, zeigt seine Malerei, macht Musik, singt,
trägt etwas vor und erfreut so die Sassen.
2. Das Ritterspiel
Dieses gegenseitige Geben und Nehmen wird nun in
einen zweiten Spielbereich eingebunden: Das Rittertum, oder genauer gesagt,
seine Parodie.
Die Entwicklung führte dazu,
3. Kunst und Humor
Die Pflege von Kunst und Humor ist
Satzungsbestandteil der Schlaraffia und sorgt für Niveau in den Sippungen.
Manchmal bestimmt es auch das Thema der Sippung. Denn viele Sippungen, in
vielen Reychen, werden unter ein bestimmtes Thema gestellt, z. B. „Musik im
Blut - tut jedem gut", „Hermann Hesse und wir", „Alt und verstaubt,
aber gut" usw. Da diese Themen schon lange vorher bekannt sind, kann sich
jeder - aktiv oder passiv - darauf vorbereiten.
4. Das Hochhalten der Freundschaft
Das viertes Element des schlaraffischen Spiels
die Freundschaft ist neben der Kunst und dem Humor die noch enger verbindende
Klammer, die der Schlaraffia erst Dauer verlieh. Jeder Schlaraffe kann
jederzeit in die Sippungen jedes Schlaraffenreyches im Uhuversum „einreytten",
wie es ritterlich heißt, und ist gewiss, als guter Freund (schlaraffische
Gastfreundschaft) empfangen zu werden. Das schafft eine starke Bindung aller
Schlaraffen untereinander.
Die im „Schlaraffen-Spiegel“ postulierte
Freundschaft scheint zunächst einmal eine Art „Zwangsfreundschaft" zu
sein: „Ich verpflichte mich beim Eintritt in die Schlaraffia, mehr als
zehntausend Männern ein Freund zu sein“. Das ist natürlich nicht möglich,
wenn wir einen einheitlichen Freundschaftsbegriff zu Grunde legen würden.
Das Reych in seiner Gesamtheit aber bringt jedem
neuen Mitglied offene Freundschaft entgegen. Diese Freundschaft umfängt den
Einzelnen wie eine Aura, integriert ihn in das Reych.
Ein ähnliches Erlebnis hat der Sasse auch bei
seinen Einritten in andere Reyche, selbst wenn sie ihm bisher völlig
unbekannt waren.
Dieses Vorhandensein einer Art schlaraffischer
„Grundfreundschaft" ist dann die Basis für das Entstehen persönlicher
Freundschaften der Sassen untereinander.
Die Freundschaft hochzuhalten ist ein hohes Ziel,
das gleichzeitig der Weg zum Ziel ist. Es gibt keinen Endpunkt, der es uns
erlaubt, die Bemühungen einzustellen.
Das Ziel „Freundschaft" muss immer wieder,
Tag für Tag, angestrebt werden. Es ist ein nie endender Weg.
Das
Spielfeld: die Sippung
Das Spiel wird von den anwesenden Rittern,
Junkern und Knappen bestimmt, genauer gesagt von Menschen, „die so tun, als
ob" sie Ritter, Junker und Knappen wären.
Dazu müssen sie bestimmte, genau festgelegte
Spielregeln in Worten und Handlungen einhalten. Verstoßen sie dagegen,
werden sie vom fungierenden Oberschlaraffen oder von anderen Sassen in
feierlich entrüsteter Form darauf aufmerksam gemacht und zur Ordnung
gerufen. Das macht oft sehr viel Spaß!
Nicht nur der Papst ist unfehlbar, auch der
Fungierende! Also der, der die Sippung leitet, ist unfehlbar in Worten und
Taten. Wie er fungiert, bleibt ihm überlassen, ob er moderat moderiert, oder
ob er despotisch herrscht, er beansprucht absoluten Gehorsam - eine
Persiflage auf die „unfehlbaren" Obrigkeiten zu Gründungszeiten der Praga (nur damals?).
Daran halten sich natürlich viele Sassen nicht
und werden „aufmüpfig". Es entstehen humorvolle und geistreiche
Wortgefechte zwischen einzelnen Sassen und/oder dem fungierenden
Oberschlaraffen.
Der Ablauf einer Sippung ist durch „Spiegel und
Ceremoniale" (Satzung und Spielregeln) vorgegeben und ist somit im ganzen
„Uhuversum" gleich;
„Einritt" und Begrüßung der „Gastrecken"
(Sassen anderer Reyche), Verlesen von Protokollen, Reiseberichte von Sassen,
die in andere Reyche eingeritten sind, Ehrung verdienstvoller Sassen,
schlaraffische und profane Geburtstage usw. usw.
Wenn der fungierende Oberschlaraffe die Sippung
entsprechend im Griff hat, und die Sassen agieren und reagieren, hat ein Uhuabend, der nach scheinbar strengen pseudoritterlichen Regeln abläuft,
einen fröhlichen Spielcharakter.
Natürlich wissen die Schlaraffen, dass sie keine „Knappen", „Junker" und „Ritter" sind, wie das schlaraffische Spiel es vorsieht.
Aber sie tun so „als ob".
Und mit diesem „so tun, als ob" verlassen sie ihr „Ich" und treten ein in das „Wir" des Spieles, dem wunderbaren schlaraffischen Spiel, das inzwischen fast 150 Jahre andauert.
(nach "Was alle über Schlaraffia wissen sollten" von Rt. Eulenspiegel (Harald Scheerer))